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29.12.2011

SENNA - Eine Rennfahrer-Legende

Für Niki Lauda war er der beste Fahrer aller Zeiten: Der im Mai 1994 beim Großen Preis von San Marino tödlich verunglückte Formel 1-Pilot Ayrton Senna.
http://www.focus.de/kultur/kino_tv/film-senna-doku-ueber-rennfahrer-legende-ayrton-senna_aid_625568.html 



REZENSIONEN

aus: DIE WELT, 11.05.2011, Autor Ulf Poschardt

http://www.welt.de/kultur/kino/article13360897/Senna-seufzte-Dann-verliess-seine-Seele-den-Koerper.html

An jenem teuflischen Wochenende in Imola, um den 1. Mai 1994 herum, verlässt Ayrton Senna das Glück. Zuerst sieht er am Freitagnachmittag seinen Landsmann und Schützling Rubens Barrichello in hohem Tempo von der Strecke fliegen und rennt aus der Boxengasse zu ihm. Einen Tag später kracht der junge Salzburger Roland Ratzenberger mit Tempo 300 in die Begrenzungsmauer, und Senna, noch geschockt vom Unfall Barrichellos, starrt entsetzt auf den Bildschirm in seiner Box.


Dank des uneingeschränkten Zugangs zum Archiv der Formel 1, die den Filmemachern von Bernie Ecclestone gewährt wurde, und dank Super-8-Aufnahmen der Familie gerät das Porträt dichter als jeder Spielfilm. Ist die Idee des Dokumentarfilms im Zweifel eine aufklärerische, weil er die Wirklichkeit und die in ihr agierenden Personen erklären und gerne auch entzaubern will, so gelingt "Senna" das Gegenteil. Je näher man der Figur zu kommen scheint, umso unglaublicher und fabelhafter gerät sie.

Das böse Gefühl vor der Kurve

Wobei der Regisseur nicht einmal alle Register ziehen muss. So nutzt er zum Beispiel nicht jene Sequenz aus einem Interview im Jahr von Sennas Tod, als er in jener Kurve steht, die später sein Schicksal werden soll und sagt, dass er das Gefühl habe, dass in dieser Kurve in diesem Jahr jemand sterben werde

Gerade weil sich dieser Film seine billigsten Pointen spart, um eigenwilligere zu setzen, belässt er Senna den Status des Unnahbaren. Die kühle Umpanzerung seiner persona bleibt intakt, und doch legt der Film Spuren, die zum Kern der Person führen könnten. Der sehnige, athletische Charakter des Films, seine präzisen Montagen geben die Dynamik eines rastlosen Lebens wieder, das dennoch stets zentriert erscheint. Senna fährt nie vor sich davon, sondern stets zu sich hin.

Ayrton Senna ist ein feiner und bescheidener junger Mann aus gutem Hause. Er ist seit frühester Kindheit der Raserei verfallen. Erst dem Kartsport, dann irgendwann der Formel. Bis zum Schluss sind ihm die Jahre im Kartsport die liebsten: dort gibt es keine Politik, kein Geld, nur den Sieg des Schnellsten. ...

16.12.2011

WHEN WE WERE KINGS (1974)

When we were kings ist heute ein Juwel unter den Klassikern, 1997 erhielt er einen Oskar für den besten Dokufilm.



When we were Kings zeigt die Ereignisse rund um den Boxkampf, der 1974 als "Rumble in the Jungle" Furore machte. George Forman, der Heavyweight Champion ein Meter Neunzig gross, gefürchtete Fäuste, kämpft gegen den kleineren und älteren Muhammad Ali.

Beide Boxer sind US-Amerikaner, aber mit zwei unterschiedlichen Botschaften.

Ali steht für Afrika, für das, was das Civil Rights Movement ins Bewusstsein rücken wollte:
Seht! Hierher kommen wir, das sind unsere Wurzeln. Seid stolz darauf, lasst Euch nicht unterdrücken.

"I'm coming HOME.. to fight for the black people..."

Alis Humor und sein Charme machen ihn beliebt, her hat überall einen lockeren Spruch auf den Lippen. Dabei auch immer politisch, friedlich, altruistisch, nicht eingebildet.
George Foreman dagegen benimmt sich extrem arrogant, als Superstar, dem niemand dumm kommen kann. (Foremans Einstellung sollte sich im Laufe seines Lebens ändern, nach seinem Comeback 1987 war er ein ganz anderer: 
http://de.wikipedia.org/wiki/George_Foreman )

Der Regisseur Leon Gast schaffte es, 90 Minuten die Stimmung zu halten - 90 Minuten EinsA Entertainment und Spannung von der ersten bis zur letzten Szene - und das ohne Off-Sprecher.

Am Anfang lernen wir Muhammed Ali kennen: "I'm black, I'm handsome, I'm pretty...

Schnell wird klar - hier gehts um zwei Kontrahenten - und dieser Kampf ist kein gewöhnlicher. Er ist legendär, legendär symbolisch. Muhammed wird kämpfen, ganz klar,. für Afrika, für die Wurzeln, für die die kulturellen Reichtümer der schwarzen Amerikaner.

I'm coming home! And I will fight for.... "
"For us, he was defending the good cause. for Africans, and for the whole world."

Ali sagt:
"I'm gonna fight. ..not for me.. but for black people who cant eat, black people who ...don't have no future. I wanna ... go to Mississippi and show the people that this is their country.. Let me take pictures, I can do things. And i can take all this back to America! .. All I got to do is whoop George Foreman."


Der Schriftsteller Norman Mailer (*1923, +2007) war in Zaire dabei. 1970 schrieb er das Buch "The Fight" / "Der Kampf".
Man hört ihm gern zu, wenn er voller rhetorischer Finesse an die Ereignisse um 1974 erinnert:

"George Foreman was a phenomenon. he was almost like a physical Guru. He ..was negortute. he was this huge black force."

Die Montage mixt O-Töne mit rhythmisch geschnittenen Bilder aus Afrika, Leute, die Feiern, Vodoo-Tänzern, James Brown auf der Bühne - jeweils passend zum Moment. Der Film ist chronologisch aufgebaut. Er stellt erst die Kontrahenten vor und steigert dann die Spannung - Ankunft im Kongo: erst Ali am Flughafen.
 Über Foreman sagt er, halb schumunzelnd:
"I don't like that guy, he talks to much.." 
auf der Pressekonferenz: "I'm so mean, last nite I killed a rock...I hospitalized a stone.. I'm so mean I can make medicine sick" :-

Muhammed ist ist drollig, an seinem Scharfsinn und seiner Intelligenz kommt niemand vorbei..Er strahlt Gutmütigkeit aus, er ist zugänglich und steht mit beiden Beinen auf dem Boden. 
In Amerika wird er verurteilt wegen einer Bagatelle - .denn eigentlich wollte man ihn für seine Mitgliedschaft in der "Nation of Islam" manipulieren, einer als radikal geltenden pro-afro american Organistaion.

Die Menschen im Kongo feiern seine Ankunft - er gibt ihnen eine Stimme, er lenkt Aufmerksamkeit auf Afrika und auf ein Land - damals Zaire - das gerade unter einem despotischen Herrscher leidet.

Zaire (heute: demokratische Republik Kongo) befreite sich 1960 von der Kolonialherrschaft Belgiens, aber gleich darauf wütete der Diktator Mobutu Sese Seko. Erst 32 Jahre später, 1992, wurde er gestürzt.

Wir sehen das Stadion, das sonst als Folterlager dient und Norman Mailer beschreibt Mobutu:  

"Mobutu was particularly ugly. You saw his picture every where. Down under the stadion were detention pens and rooms and chambers where you could imprison as many as a couple of thousand people at once. Before the fight began, the crime rate in Zaire had gone up and some white people had been killled. And Mobutu decided to .... had all the criminals rounded up in this stadion.. in the detentions pens... then he took a hundred of them and killed them..."

Dann die Ankunft von Goerge Foreman. Foreman steigt mit einem deutschen Schäferhund aus dem Flugzeug. Die Schaulustigen die ihn begrüssen, fühlen sich unangenehm bedroht - denn Schäferhunde kennen viele noch aus der Kolonialzeit. Damals brachten belgischen Polizisten die Hunde mit nach Afrika.

US-Sportjournalisten meinten von Anfang an zu wissen, wer den Kampf gewinnt. In Radio und Fernsehen hiess es schon vorher von vielen Seiten: Alis Sieg ist vollkommen aussichtlos, grotresk, utopisch. Ein kecker Reporter traut sich trotzdem und fragt Foreman:
"What would you do in case you're gonna loose?" Foreman antwortet konsterniert:
"I beg your pardon?? Well, nice talkin to you."

Die Spannung steigt.. ja, das ist, was die Doku ausmacht: die Spannung auf diesen Kampf, auf die Bilder von diesem Boxkampf, der so viel mehr war, als fliegende Fäuste, übertrifft jeden Fernseh-Krimi.

Auch Mailer fühlte das so:
"A heaveyweight championship does produce an excitement in the unlookers thats unlike almost any other spectacle... its almost unendurable to wait for that bell to ring for the first round. In 1974 in Zaire the fight startet at 4 o'clock in the morning in order that it could be shown on Television  in America. .."

"Alis dressing room was like a morgue. it was like the first supper." ...they were deeply frightened now... 
 
Muhammed said: "What I'm gonna do?" they said: "you're gonna dance..!" - and they were all crying..


Mobutu watched the fight on TV in his palace.. he was terribly afraid of assasination. The stadions ...floor was covered with blood. it has been washed away. but the affect of the blood was still there as part of the atmosphere. 
 
The atmosphere before the bell rang, was as intense as I ever recall.

"Ali, kill em!" - Ali boma ye!! rufen die Leute...

Ali und Foreman sehen sich in die Augen.. sie reden miteinander. Der Original-Ton des Kommentators aus dem Stadion ist zu hören, wie er aufgeregt sagt:

"They are really talking to each other.. Five million dollars are at stake.. Ali ready, Foremann ready, we're waiting for the opening bell!"

Bing!

Ganz wichtig in diesem Film: Die Sounds und die Musik. ...



dann wieder Mailer:
"Ali hit him with a right hand lead... Not even 50 dollar sparing partners dared to do that on Foreman.. Nobody had thrown a right hand lead on Foreman in 2 years. it was the greates insult you could express.. He's expecting me to danc.e I'm not gonna dance.  So I'm hitting him with the right hand and I'm gonna knock him out in the first round. .He threw 12 right hand leads. I don't think he told anyone that he was gonna do it. I think he may have debated on what he was gonna do up to the last moment. 
And the only thing is he didnt knock him down and he didnt knock him out. 
Instead Foreman went crazy.

"The bell rang. Ali went back to the corner. He finally, the nightmare that had awakened him.. had finally come to visit him. He was in the ring witha  man he could not dominate, who was stronger than him, who was not afraid of him, who was gonna try to knock him out, ...and this man was determined and unstoppable. And Ali had a look on his face that I'll never forget. It was the only time I saw fear on Alis eyes...
He thought: this is the moment, this is what you've been waiting for, this is that hour. Do you have the guts?" and then he yelled: "Ali boomaye!" - 
And a hundred thousand people yelling back: "Ali boomaye!!"

And this huge reverberation of the crowd coming back on him."

Muhammed Ali - he was like a sleeping elephant. You can do anything against a sleeping elephant. But when he wakes up, he tramples everyhting.

Und so war es - Ali gewinnt den Fight, und Foreman verlässt den Raum gesenkten Hauptes. Zwei Jahre sollte er ein eine tiefe Depression verfallen.

"He almost didnt get out of it" - so Mailer.

Die Empathie, die der Film komplett auf Ali lenkt, wird hier unterbrochen  - die Spannung dabei einmal mehr erhöht.

Bei youtube gibts die Doku auf Englisch, in Deutsch kann man sie bestimmt bestellen.

Es lohnt sich, weil das ein Film ist, den man immer wieder ansehen kann.













09.12.2011

LOVE JANIS


aus der ARTE-Reihe: Summer of the 60s

"Man kann ja nicht sagen, dass sie besonders sexy war. 
Sie hatte auch nicht die Attribute eines Stars.  
Da war einfach diese enorme Energie,
die plötzlich den Raum füllte .

Und diese Wahnsinss-Stimme."

Love Janis ist das Porträt einer der grossen Stars der Hippie Ära, eine Frau mit einzigartiger Stimme und grossen Herz.

Janis Joplin wurde am 19. Januar 1943 in Port Arthur, Texas geboren. Sie haute ab, trampte nach San Francisco, sang in einer Band und eroberte die Herzen im Sturm. Sie wurde über Nacht zur berühmtesten Blues n Rock-Sängerin Nordamerikas.

Ihre Karriere war gezeichnet von Sex, Drugs n Rock n Roll - und dauerte nur 4 Jahre. Aber die Legende Janis war viel mehr als das..
Sie starb am 4. Oktober 1970 im Landmark Hotel in L.A. an einer Überdosis Heroin.Ihr Mythos lebt bis heute.

Das Porträt ist ein Wechsel aus Konzertmitschnitten,  und vor allem Zitaten aus Janis' Tagebuch.

Interviews wie zB mit ihrer Schwester Laura geben dem Film etwas Nüchternes.

Zum Ausgleich kriegen wir Janis pur, ohne Kommentar. Aufnahmen mit ihr im Studio nehmen uns mit auf die Reise in die wilden Seventies..


"Wir wollten nur raus."
sagt sie über Port Arthur.
"Ich wollte weg. Auf Teufel komm raus weg von hier. Allein hatte ich nicht den Nerv. Also ging ich mit einem Freund. Er meinte, wir sollten nach San Francisco trampen. Dort würde er Leute kennen."

Janis war nicht nur ein Hippie-Mädchen und verliebt in den Blues, sie war auch ehrgeizig - und wollte ganz nach oben.

"Ehrgeiz ist nicht nur der skrupellose Kampf um eine Position oder um Geld. Sondern vielmehr der Kampf um Liebe. Viel Liebe." schrieb sie.

Einer ihrer Liebhaber erinnert sich. Er habe "die gewöhnlichen zwei Wochen" bekommen, die Männer normalerweise mit Janis hatten. Er erinneret sich an schöne zwei Wochen. Denn alles was sie tat, tat sie mit Leidenschaft. Ihre Gefühle waren tief - und ehrlich.

Janis war Blues, Janis war Flower Power, Janis war sexuelle Revolution -

Was aber vor allem bei diesem durch die Tagebucheinträge intimen Porträt durchscheint, ist ihr ewiger Kampf, das hässliche Entlein aus Texas hinter sich zu lassen.

Auf dem College wurde sie als "hässlichster Junge" des Jahrgangs gewählt. "Es war das einzige Mal, das ich Janis weinen sah", erinnert sich ein Freund im Interview.

Sie will nichts mehr mit ihnen zu tun haben, mit den Jahren der Kindheit und der Jugend, in denen sie nicht gut behandelt wurde, sich unverstanden fühlte von ihren Mitschülern und der konservativen Gesellschaft einer texanischen Kleinstadt der Sechziger Jahre.

Wahrscheinlich war es auch der Kampf um Anerkennung in ihrer Familie, die ihr viel bedeutete, auch wenn sie es nicht offen zugab. Der Vater arbeitete bei Texaco, man ging Sonntags zur Kirche. In diesem Film zeigen die O-Töne der Schwester, dass sie für Janis wildes Leben wenig Verständnis aufbringen konnten.

Janis aber bedachte ihre Familie noch vier Tage vor ihrem Tod. Sie schrieb ihr Testament. Das restliche Bargeld, am Ende waren es 1500 Dollar, sollten ihre Freunde versaufen. Den Erlös aus weiteren Eigentümern überschrieb sie ihrer Famlie. Vor allem ihrem kleinen Bruder Michael, der sich davon seine Ausbildung finanzieren sollte.

Wer einfach nur Bock auf gute Musik hat, drückt den Pfeil auf folgendem Video:




30.11.2011

FALCO-DOKU: Rock me forever..




"Falco musste niemand erfinden. Falco war Falco."
sagt sein Entdecker Markus Spiegel über Johann Hölzer, der als Falco die deutschsprachige Musikszene aufmischte und 1998 mit 40 Jahren starb. In der Dominikanischen Republik rammte ein Bus bei der Ausfahrt aus der „Turist Disco“ seinen Geländewagen. Falco war sofort tot - und hinterlässt eine Lücke, die niemand füllen konnte.

Diese Doku macht optisch Spaß, wegen Falco selbst. Es macht Spaß ihm zuzuhören und zuzuschauen, diesem kreativen Spinner   - ein charmanter, intellektueller und sensibler Mensch.

Bei der Auswahl des Archivmaterial hat sich das Rechercheteam viel Mühe gemacht, die besten Szenen zu finden: Videoclips und Aufnahmen aus Falcos Tonstudio, Szenen aus seinem Leben - plus ein Interview mit ihm. 
(Was gefiel ihm bloss an diesem karamelfarbenen Sakko im Rentner-Design? ich kanns mir vorstellen..)

Falco beschreibt sich in O-Tönen aus dem Archiv selbst: 
Ein Grenzgänger sei er. und "Skandal ist Show-Biz. und das ist gut so."

Spannend die Videos mit Africa Bambata 1983 im Hotelzimmer in New York.
"Zurück aus NY war er ein komplett anderer Mensch."

Der Sprecher führt uns durch Falcos Leben, der Film ist aufgeteilt in Themen:
Falco in den USA, Falco und die Medien, Falco und die Frauen....

Das Video mit Brigitte Nielsen habe er nicht gedreht, weil er mit ihr singen wollte, sondern weil er mit ihr ins Bett wollte, soll Falco gesagt haben.

Billy Flanowski, sein bester Freund, kennt ihn besser: "Er hat immer eine Familie gesucht."

Die Geburt seiner Tochter Katharina war für Hans Hölzel das allergrößte. Umso tiefer saß der Schmerz, als er viel später durch einen Vaterschaftstest erfuhr, dass Katharina nicht seine leibliche Tochter ist. Der Liebe tat das natürlich keinen Abbruch - aber weh tat es ihm, wie viele andere Dinge auch.

Ein lohnendswerter Film für alle, die sich gern an die 80s und an Falco erinnern.



26.11.2011

MONTAGS IN DER SONNE






Los Lunes al Sol (Spanien 2002)

Buch und Film von Fernando León de Aranoa, 
Mit Javier Bardiem, Luis Tosar, José Angel Egido, Nieve de Medina
113 Min.
Verleih mit Unterstützung der Medienboard Berlin-Brandenburg und des MEDIA Plus Programms der Europäischen Union 

Vigo ist eine Hafen- und Industriestadt nordewestlichsten Rand der spanischen Küste. Es riecht nach Fisch, nach Öl und nassen Tauen. Der Umgangston auf der Werft ist rauh wie die See, aber nie so gemeint wie er klingt. Als die Krise auch Vito trifft, verlieren die Werftarbeiter ihren Job.
Fünf Freunde sitzen von da an ratlos auf dem Sofa oder in der Bar. Sie verbinden vor allem zwei Dinge: die Arbeitslosigkeit und der Wille, auf gar keinen Fall aufzugeben.
Eine intelligente, anrührende Tragikomödie mit ausgezeichneter Besetzung.


Ein Ausschnitt aus dem Interview mit dem Regisseur Fernando León de Aranoa:
'Los lunes al sol' war in Spanien ein großer Kinoerfolg und hat eine Debatte über das Thema Arbeitslosigkeit ausgelöst. Ist 'Los lunes al sol' für Sie ein „politischer Film“?
Was ich mit Los lunes al sol versucht habe, ist das Porträt einer Gruppe von Menschen herzustellen. Indem wir erzählen, was diese Leute erleben, was mit ihnen geschieht, wird der Film zur Schilderung oder zur Widerspiegelung eines breiten sozialen Raums. Aber ich will keine Reden halten und keine Ideologien vertreten. Ich denke, dass das Kino beides sein kann, unterhaltsam und engagiert. Das ist im Leben auch nicht anders. Die Komödie folgt aufs Drama und umgekehrt. Das Lachen ist ein gutes Mittel, um schwierige Situationen zu überstehen. Vor allem für die erste Hälfte des Films wollten wir, dass das Publikum viel lachen kann, um sich mit den Protagonisten anzufreunden und mitzugehen. Ich habe beides gewollt, den Humor und die Härte, weil ich glaube, dass das Leben so ist. Das Kino kann diese Erfahrung aufgreifen. Ich denke, dass dieser Unterschied zwischen Unterhaltsamkeit und Reflektion nicht existiert. Vielleicht ist ein Film dann am unterhaltsamsten, wenn er dich zum Nachdenken bringt.

mehr unter:
http://www.montags-in-der-sonne.de/main.html

11.11.2011

PRINZESSINNENBAD (2007) - DVD-Doku-Tipp


Es ist Sommer in Deutschland.
Klara, Mina und Tanutschka tummeln sich im Freibad. Es wird geplantscht und ein bisschen gepöbelt. Die ganz coolen Typen tragen die längsten Badeshorts.

Bestimmt gibt es irgendwo Pommes und Gummitiere zu kaufen und bestimmt schmeisst der ein oder andere Familienvater an diesem warmen Tag den Grill an. Oder?

Nee. Denn das Freibad ist nicht irgend ein deutsches Freibad. Es ist das Prinzenbad, mitten in Kreuzberg.

Hier beginnt der Film über das Leben dreier Teenager, der uns einen Einblick gewährt -  in ihren Alltag, ihre Interessen und ihr Gefühlsleben.

Legendär geworden ist der Satz von Klaras Mutter, die folgende Regel aufstellt:

"Kein Heroin - und nicht schwanger werden!"

oder Tanutschkas Statement zu einem Typen am Telefon: 

"Ich bin aus Kreuzberg, Du Muschi!"

brox + 1
Quelle: http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-19220-5.html

Der Film amüsiert, einige hat er anscheinend betroffen gemacht.
Doch wenn ich in einem Interview (s.u.) lese, dass ich die Autorin, die über zwei Jahre mit den drei Berliner Gören gedregt hat, sich niemals ernsthaften Sorgen um deren Zukunft machen musste, dann kann ich dem nur zustimmen. Habe ich mir, und mach ich mir auch nicht.

Man merkt nämlich dank der Nähe, die diese Doku zu den Protagonistinnen aufbaut, dass sich hinter dem krassen Xberg-Slang selbsbewusste junge Mädchen und Persönlichkeiten verbergen, die auf ihre Art wissen, was sie wollen und was sie nocht wollen. Und deswegen eine bedeutende soziale Kompetenz mitbringen.
Sie können kommunizieren, das ist wichtig. Sie sind nicht isoliert, vor allem nicht desillusioniert. Sie nehmen das Abenteuer Leben auf sich.
Auch spürt man, dass die Mütter ihre Töchter mit Liebe versorgen. Unter Kreuzberger Verhältnissen natürlich. Damit fern von einer Welt, die manche Leute unter "normalem" Familienleben verstehen.


Wer mehr erfahren will, kann sich die Interview mit Bettina Blümner (taz) und mit den drei Berlinerinnen (STERN), durchlesen:



http://www.taz.de/!36133/

(komplettes Interview)


 Hier ein Ausschnitt:

Anders als die drei Mädchen, die Sie zwei Jahre lang durch Kreuzberg und die Pubertät begleitet haben. Sie haben mal gesagt, sie würden nicht noch mal mitspielen.
Ihre Beziehung zum Film ist sehr ambivalent. Zum einen haben sie sich in der Zwischenzeit sehr verändert und sehen sich nun als Erwachsene. Zum anderen war Geld ein Thema. Es gibt generell eine Diskussion im Dokumentarfilm, ob man seinen Protagonisten Geld bezahlt oder nicht. Das ist ein sehr schwieriges Thema. Ich empfinde finanzielle Abhängigkeit oder Entlohnung als keine gute Grundlage für eine Zusammenarbeit.
Wie ist Ihr Verhältnis heute?
Ich freue mich, sie hin und wieder zu treffen und zu sehen, was aus ihnen wird. Klara arbeitet in dem Café, in dem sie während der Dreharbeiten Praktikum gemacht hat. Tanutscha macht eine Ausbildung zur Altenpflegerin, und Mina ist von ihrem Freund getrennt und macht ihr Fachabitur im Bereich Touristik. Aber wir haben auch nicht ständig Kontakt. Das letzte Mal haben wir uns vor ein paar Wochen auf einen Kaffee getroffen, davor hatten wir uns fünf Monate nicht gesehen.
Sie haben mit Ihrem Langfilmdebüt im vergangenen Jahr gleich den Deutschen Filmpreis gewonnen.
Ja, das war natürlich toll, dass "Prinzessinnenbad" so einen Riesenerfolg und so eine Resonanz hatte. Aber es ist jetzt nicht so, als ob sich sehr viel verändert hätte.




Interview mit Klara, Mina und im STERN, 31. Mai 2007:

 http://www.stern.de/kultur/film/prinzessinnenbad-ehrliche-worte-zu-echten-bildern-590142.html



Habt ihr mit diesem großen Publikums- und Medieninteresse an Eurem Film gerechnet?

Mina: Überhaupt nicht! Klara: Ich dachte, der Film läuft irgendwann einmal nachts auf arte. Und jetzt kennt plötzlich jeder Mensch auf der Straße unser Leben! Eigentlich wäre es uns lieber gewesen, der Film hätte nicht so viel Aufsehen erregt. Mina: Als ich die Nachricht bekommen habe, dass der Film auf der Berlinale laufen wird, habe ich mich erst sehr gefreut. Als ich ihn dann aber kurz vor der Premiere zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich nur: Scheiße! Der darf nicht in die Kinos kommen! Ehrlich gesagt: Ich war total geschockt. Es ist schwer, sich damit zu identifizieren. Für andere ist der Film vielleicht extrem authentisch... Klara: ...aber wir sehen uns selber anders in dem Film, als wir in Wirklichkeit sind.

Hättet ihr gerne etwas an dem Film geändert?

Klara: Viele Sachen! Tanutscha: Ich hätte gerne die Geschichte über den Kontaktabbruch mit meinem Vater aus dem Film gelassen. Klara: Und ich die Sache mit den Drogen, und dass ich meine Oma beklaut habe. Mina: Und ich finde, dass die Beziehung mit meinem Freund nicht korrekt dargestellt wurde: Es sieht so aus, als würde alles in erster Linie von mir ausgehen. Das sehe ich ganz anders. Klara: Und dass ich angeblich Pornostar werden will: Das war ein Witz! Das kam im Film so nicht rüber. Tanutscha: Am ersten Tag hat uns das alles sehr gestört, aber da war es ja schon zu spät... Mina: Klar wollten wir etwas ändern! Aber das ist ja nicht mehr möglich, wenn der Film schon im Schnitt war und der Ton bereits fertig ist.

....

20.09.2011

LIEBER FIDEL. Marita Lorenz: Geliebte, Geheimagentin und Attentäterin

An vielen Stellen muss man lachen über Marita Lorenz. Wenn sie auf Kuba vor einer Schaufensterschreibe steht, einen alten Ofen betrachtet und zu ihrem Sohn sagt (xx Dollar) "For that fucking shit"?! Oder darüber, wie sie Fidel Castro, der im Fernsehen mit freiem Oberkörper aus dem Meer steigt, zuruft: "Süßer!! Alter Knacker, ich liebe dich noch!"

Ein bisschen später lernen wir die auf ihre ganz eigene Art zärtliche Marita kennen, die ihren alten Freund Yannis in dessen Wohnung auf Kuba besucht.

Maritas tritt stark auf, wie eine Löwin. Ihr Humor ist trocken und ihr Charme ein ganz  ungewöhnlich rauher. Diese Frau kann man zweifelsohne als "tough" bezeichnen.

Denn ihr Leben war kein Zuckerschlecken. Marita Lorenz wurde als Kind gemeinsam mit ihrere Mutter verhaftet und nach Bergen-Belsen gebracht. Sie erinnert sich noch gut an die Drohungen, "es roch nicht gut". Ein amerikanischer GI vergewaltigt sie.
Später sagten ihr die amerikanischen Geheimagenten: "Wenn Du Belsen durchmachen kannst, dann kannst Du auch für die CIA arbeiten."

Martia soll Fidel Castro umbringen. Mit einigen Giftpillen im Kosmetikköfferchen marschiert sie in die Suite des Revolutionsführers in einem New Yorker Hotel. In der Lobby wimmelt es nur so von CIA-Männern. Sie haben Marita Drogen gegeben, damit sie den Mordauftrag möglichst skrupellos ausführt..
Für Martia ist es nicht das erste Rendez-vous mit Fidel, die beiden hatten zuvor auf Kuba eine Affäre, Marita lebte eine Zeit beim Comandante. Sie verliebte sich, als Fidel das Schiff ihres Vaters besuchte. Er hielt unter dem Tisch ihre Hand, lud sie ein - und sie blieb auf Kuba.

Jetzt, als Agentin mit den Giftpillen, weiss Martia, dass es auch für sie selbst um Kopf und Kragen geht, falls sie ihre Auftraggeber enttäuscht. "Doch die Liebe ist stärker".

Und das, obwohl Fidel Castro sie damals betäuben und sie zu einer Zwangsabtreibung abholen liess. Marita war im sechsten Monat schwanger. Mutmaßlich hat betäuben lassen - es ist nicht klar, ob Castro oder ob die CIA die Abtreibung organisierte.

Später lebt sie bei dem damaligen parguayischen Diktatur, bekommt mit ihm eine Tochter. In New York schnüffelt sie als CIA Agentin, getarnt als Hausmeisterin, mit ihrem Sohn im Papiermüll der dort lebenden Diplomaten.

Marita gerät in große Gefahr - denn man zählt sie zum engen Kreis um den Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald. Mit "Ossy" hatte sie in einer kleinen Gruppe für die CIA trainiert.

Fidel Castro ist ihre große Liebe. Sie will ihr Leben nicht beenden, ohne ihn noch einmal zu sehen. Deswegen kehrt sie zurück nach Kuba. "Volver" heißt auch der Soundtrack des Films.

Dem Bremer Dokufilmer Wilfried Huismann gelingt ein Porträt, das man nicht so schnell vergisst.

Interessant, mitunter sogar amüsant machen es die drei unterschiedlichen Sprachen. Marita wechselt zwischen englischen und deutschen Wörtern, die Kubaner sprechen natürlich spanisch. Es lohnt sich, den Film im Original-Ton zu sehen, vorausgesetzt man kommt klar mit dem Sprachen-Mix.

Grossen Respekt vor der Filmidee und der Recherche. Bei der Umsetzung und dem Dreh stand dem Autor ein großes Team zur Verfügung - Location Scouts und Producer in den USA, Kuba & Deutschland, drei Rechercheure und und und.

Dabei heraus kommt ein Film, den man gesehen haben sollte. Vielleicht sogar mehr als einmal.